Mille wohnte hinter der kleinen roten Tür im Flur, genau dort, wo die Fußleiste einen Knick macht. Die Tür hatte einen Kranz, ein Fenster, so groß wie ein Knopf, und eine Matte, auf der HEJ stand. Mille war eine Wichtelin, nicht größer als eine Kaffeetasse, mit einer Mütze, die so rot war wie eine Preiselbeere, und zwei Zöpfen, die beim Laufen gegen ihre Schultern klopften.
In der ersten Novembernacht wachte sie auf, weil der Flur anders roch. Nicht nach Schuhen, nicht nach Suppe. Es roch kalt und weich und ein bisschen nach Metall. Mille kannte diesen Geruch aus den Geschichten ihrer Großmutter. „Wenn es so riecht“, hatte die Großmutter gesagt, „dann kommt der Schnee. Aber niemand glaubt dir, bevor er da ist.“
Mille öffnete die Tür einen Spalt. Der Flur lag still im blauen Licht der frühen Stunde. Auf dem runden Teppich schlief Molly, die gestreifte Katze der Familie, zusammengerollt wie ein Zimtschneckenbrötchen. Mille hielt den Atem an. Katzen und Wichtel waren Nachbarn, aber keine Freunde. Noch nicht.
Sie schlich am Teppich vorbei zum Fenster. Draußen, über den Dächern, fiel der erste Schnee. Dicke, langsame Flocken, die sich Zeit ließen, als wüssten sie, wie wichtig sie waren. Mille drückte die Nase an die kalte Scheibe. Sie wollte jemandem davon erzählen. Aber die Kinder schliefen oben, und Wichtel wecken keine Kinder. Das ist die erste Regel.
Also machte Mille, was Wichtel tun, wenn sie etwas zeigen wollen, ohne zu sprechen. Sie holte aus der Küche eine Prise Mehl, tunkte ihre Stiefel hinein und ging los. Von der roten Tür über die Dielen, in kleinen, sorgfältigen Schritten, bis zum Fenster. Dort blieb sie stehen und sah noch einmal hinaus. Dann ging sie zurück, Schritt für Schritt, und stellte vor ihre Tür einen Fingerhut voll heißem Kakao. Für wen, wusste sie selbst nicht genau. Für den Morgen vielleicht.
Molly öffnete ein Auge. Mille erstarrte. Die Katze sah die kleine Gestalt an, sah die Spuren, gähnte so breit, dass man alle ihre Zähne zählen konnte, und legte den Kopf zurück auf die Pfoten. Mille atmete aus. Vielleicht, dachte sie, sind wir doch ein bisschen Freunde.
Am Morgen kam zuerst Jonas die Treppe herunter, dann Lea. Jonas sah die Spuren. Lea sah den Kakao. Beide sahen zum Fenster, und dann riefen sie es gleichzeitig durchs ganze Haus: „Es hat geschneit!“
Hinter der roten Tür hörte Mille das Rufen und lächelte in ihr Kissen. Niemand hatte ihr glauben müssen. Der Schnee war einfach da. Aber die Spuren, dachte sie, die hatten sie hingeführt. Und das war fast so gut wie Erzählen.


