Auf dem Hügel hinter dem Dorf stand ein rotes Haus mit weißem Dach, nicht größer als eine Schuhschachtel. Es hatte einen Briefschlitz, eine Ablage für Pakete und ein Schild, auf dem ein Pfeil nach oben zeigte. Nordpolpost stand darauf. Hier endete die Welt der Menschen, und hier begann die Arbeit von Birk.
Birk war der älteste Postwichtel, den es gab. Sein Bart war grau wie Januarschnee, seine Laterne hing an einem Stock, und sein Schlitten war voller Briefe, Pakete und Wünsche, die noch niemand ausgesprochen hatte. Jeden Abend, wenn der Himmel von Gold zu Blau wechselte, zog er den Schlitten den Hügel hinauf.
An diesem Abend war Mille dabei. Sie hatte einen Brief in der Hand, den die Kinder in den Briefkasten im Flur geworfen hatten, mit einem Wachssiegel und drei Zeichnungen. „Du darfst ihn selbst einwerfen“, sagte Birk. „Aber halt ihn fest. Der Wind hier oben hat einen Sinn für Humor.“
Mille stellte sich auf die Zehenspitzen. Der Schlitz war hoch. Sie hob den Brief, und genau in diesem Moment kam der Wind. Er nahm den Brief, drehte ihn zweimal in der Luft und legte ihn weit hinten in den Schnee, zwischen zwei kleine Tannen.
„Ach“, sagte Birk. Mille sagte nichts. Sie rannte. Der Schnee reichte ihr bis zur Mütze, und jeder Schritt war ein kleiner Kampf, aber sie dachte an die drei Zeichnungen, und sie wollte nicht, dass jemand sie im Frühling unter dem Schnee fand.
Von einer Tanne herab sah ihr eine Schnee-Eule zu, weiß wie das Dach des Posthauses, mit Augen wie zwei gelbe Laternen. Als Mille den Brief erreichte, war er in eine Schneewehe gerutscht, zu tief für ihre Arme. Die Eule breitete die Flügel aus, segelte lautlos herunter, nahm den Brief vorsichtig in den Schnabel und legte ihn Mille vor die Stiefel. Dann flog sie zurück auf ihren Ast, als sei nichts gewesen.
„Das ist Luna“, sagte Birk, als Mille zurückkam, außer Atem und voller Schnee. „Sie hilft, wenn sie findet, dass es sich lohnt. Meistens findet sie das nicht.“ Diesmal half er Mille auf den Schlitten, und von dort aus ließ sie den Brief in den Schlitz gleiten. Es machte ein leises Geräusch, wie wenn ein Buch zuklappt.
Auf dem Rückweg fragte Mille, wie lange ein Brief bis zum Nordpol braucht. „Eine Nacht“, sagte Birk. „Und die Antwort braucht noch eine. Alles Wichtige braucht zwei Nächte.“
Am übernächsten Morgen lag vor der roten Tür im Flur ein Umschlag mit einem Stempel in Form einer Schneeflocke. Die Kinder fanden ihn, bevor die Katze ihn fand. Was darin stand, wusste nur die Familie. Aber Mille wusste, dass eine Eule und ein alter Postwichtel dafür gesorgt hatten, dass er überhaupt ankam.


