Am Nordpol gibt es eine Nacht im Jahr, in der die Post nicht aufhört. Es ist die Nacht nach dem Nikolaustag, wenn in allen Häusern die Stiefel geleert sind und die Kinder begreifen, dass Weihnachten wirklich kommt. Dann schreiben sie. Alle. Gleichzeitig.
Birk, der älteste Postwichtel, den es gab, wusste das. Er hatte seit September Säcke genäht, Stempel geschnitzt und Kerzen gezogen. Trotzdem stand er in dieser Nacht vor einem Berg aus Briefen, der höher war als das Posthäuschen. Luna, seine Eule, saß auf dem Dach und sah besorgt aus, soweit Eulen besorgt aussehen können.
„Wir schaffen das nicht“, sagte Birk, was er in hundert Jahren nie gesagt hatte. Luna antwortete nicht. Sie antwortete nie. Aber sie flog los, über die Berge, und als sie zurückkam, hielt sie eine Wichtelin in den Krallen, die sehr laut protestierte: Mille.
„Du kannst sortieren“, sagte Birk statt einer Begrüßung. Mille, die noch nie auf einer Eule geflogen war und es nie wieder wollte, sah den Berg an. Dann krempelte sie die Ärmel hoch. Sortieren konnte sie. Zu Hause sortierte sie Knöpfe, Kiesel und die Launen ihrer kleinen Schwester.
Sie sortierten nach Ländern, dann nach Städten, dann nach Straßen. Birk stempelte, Mille stapelte, Luna trug Sack um Sack hinaus in den Schnee, wo die Schlitten warteten. Gegen Mitternacht fanden sie einen Brief ohne Adresse. Nur ein Bild: ein rotes Haus, ein Baum, eine Katze. „Den kenne ich“, sagte Mille leise.
Es war Leas Brief. Lea konnte noch nicht schreiben, also hatte sie gemalt, und was sie gemalt hatte, war ihr Zuhause, mit einer winzigen roten Tür an der Fußleiste. Mille steckte den Brief in ihre Jackentasche. Manche Post, dachte sie, muss man persönlich beantworten.
Als der Berg zu einem Hügel und der Hügel zu einem Stapel geworden war, ging die Sonne auf, was am Nordpol im Dezember heißt, dass es ein kleines bisschen weniger dunkel wurde. Birk setzte sich auf einen leeren Sack. „Das war die längste Nacht“, sagte er. „Und die beste“, sagte Mille, und wunderte sich, dass sie das meinte.
Luna brachte sie zurück, sanfter diesmal. Zu Hause schob Mille Leas Bild unter ihre Tür und legte einen Brief daneben: Ich habe dein Bild bekommen. Es ist angekommen. Alles kommt an. Am Morgen fand Lea ihn, und obwohl sie nicht lesen konnte, wusste sie genau, was darin stand.








